Lesung: Martin Hertrampf – Lange Brücke
ein ukrainisches Palimpsest06. März 2026 – 19:30 Uhr
Ukrainisches Palimpsest, ein Gebilde in vielen übereinander liegenden Schichten, die einander zwar partiell verdecken, die sich dennoch nur in ihrer Gesamtheit verständlich machen können. Im Leben, im Überleben und im Nachleben von Menschen der jetzigen wie der vergangenen Ukraine werden über einen Zeitraum von etwas mehr als einem Jahrhundert exemplarisch Geschichten erzählt. Sie sollen helfen, im Angesicht der zurückliegenden Katastrophen den heutigen Krieg in diesem Land einzuordnen. Das Gewebe dieser Geschichten verbindet nicht nur die Zeiten miteinander, sondern reicht räumlich auch bis tief in die eigene deutsche historische Verantwortung. So wird das nur scheinbar ferne Land in diesem sehr nahen Krieg auch für uns zu einem Spiegel in die Zukunft.
Vorwort
Obschon der unselige russische Krieg in der Ukraine noch nicht zu Ende ist, beginnt sich doch langsam ein Bild abzuzeichnen, wie die Welt nach ihm aussehen könnte. Eingebettet in dieses Bild liegen eine Vielzahl divergierender Interessen, die dieser Konflikt aufs Neue offenbart hat und aus dem sie sich speisen. Praktisch alle weltpolitisch relevanten Kräfte unserer Zeit sind in ihn involviert und allein diese Tatsache unterstreicht seine globale Bedeutung. In seinem räumlichen Zentrum liegt ein Land, das seit Jahrhunderten um seine Existenz und damit seine Freiheit ringt. Die Ukraine steht dabei nicht nur mit ihrem Mühen um die eigene Souveränität im Blickpunkt der Weltöffentlichkeit. Ihr Erfolg oder Misserfolg wird dabei nicht allein das Land selbst, sondern auch die von außen beteiligten Akteure verändern und damit mindestens die politische, wenn nicht gar die geografische Landkarte Europas.
Bei meiner bisher letzten Reise in die Ukraine im Sommer 2025 wurde mir wiederholt in großer Deutlichkeit beschieden, dass die Benutzung der Sprache des Feindes, das Russische, verweigert würde. Das Land war in seiner Geschichte aufgrund der vielen in ihm lebenden Nationalitäten lange in selbstverständlicher Weise vielsprachig. Bis heute wird im Osten und Süden der Ukraine noch überwiegend Russisch gesprochen. Die Bedeutung der eigenen ukrainischen Sprache wird mittlerweile im gesamten Land auch dahingehend aufgewertet, dass Kinder nur noch in ihr unterrichtet werden sollen. Von den meisten jüngeren Menschen wird das Russische zu Gunsten des Englischen als Mittlersprache bereits abgelehnt. Die Zentren jedes größeren ukrainischen Ortes sind gefüllt mit den überlebensgroßen Portraits der gefallenen Soldaten. Diese Bilder erzählen nicht nur die Geschichten der als Helden verstandenen Opfer des Krieges. Sie liegen eingebettet in einem Meer blau-gelber oder auch rot-schwarzer Fahnen und bilden so in ihrer Gesamtheit ein neuartiges Pantheon ukrainischer Glaubenswelten neben dem der Kirche. Auf der Gegenseite reicht die Bestätigung des russischen Patriarchen aus, dass dieser Krieg ein heiliger sei und jedes Opfer darin die Vergebung aller Sünden nach sich zieht, um auch von dieser religiösen Seite jeden Zweifel an seiner Legitimität auszuräumen. Um zu verstehen, woraus dieser heutige Krieg sein tieferes Konfliktpotential bezieht, hilft es, neben den absurd klingenden Begründungen des Moskauer Verursachers und seiner ihm sekundierenden Ideologen, mindestens die Kriege des letzten Jahrhunderts in diesem östlichen Europa und besonders im Raum der Ukraine zu betrachten. Kriege, die zu Teilen tief auch in unsere eigene deutsche Geschichte und Verantwortung hineinreichen. Mit ihren exemplarisch ausgewählten Akteuren, ihren Chronisten, ihren Tätern wie ihren Opfern und deren Nachfahren sollen deren Geschichten in diesem Buch Inhalt und Gewicht bekommen.
Menschen der heutigen ukrainischen Welt, die in diesem Krieg, wie auch in der Geschichte früherer Katastrophen stehen, werden befragt. Verschiedene Zeugen vorangegangener Generationen kommen zu Wort und deren Leben, Überleben und Nachleben wird nacherzählt. Neben dem eigenen Erleben des Landes über Jahrzehnte des Reisens dahin speist sich das Folgende natürlich entscheidend aus umfangreicher Recherche verschiedenster Quellen der Geschichte. Die wichtigsten Chronisten aber waren mir die Dichter. Ihnen fühle ich mich am stärksten zu Dank verpflichtet, denn: „Nichts ist geschenkt, alles muß erworben werden, nicht nur die Gegenwart und Zukunft, auch noch die Vergangenheit […] muß erworben werden“ (Franz Kafka).
All das im Hinblick darauf, dem Leser eine möglicherweise fremde, aber nicht ferne Welt ein wenig näher zu bringen.